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Kurt Tucholsky - Gedichte

* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935

 

Dichter: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z
Themen: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z

 

Kurt Tucholsky (Balladen)

Mikrokosmos


Dass man nicht alle haben kann  –!

Wie gerne möcht ich Ernestinen

als Schemel ihrer Lüste dienen!

Und warum macht mir Magdalene,

wenn ich sie frage,  eine Szene?  

Von jener Lotte ganz zu schweigen –

ich tät mich ihr als Halbgott zeigen.

Doch bin ich schließlich 1 Stück Mann ...

Dass man nicht alle haben kann  –!
    

Gewiss:  das Spiel ist etwas alt.

Ich weiß,  dass zwischen Spree und Elbe

das Dramolet ja stets dasselbe,

doch denk ich alle, alle Male:
    

entfern ich diesmal nur die Schale –

was wird sich deinen Blicken zeigen?

Was ist,  wenn diese Lippen schweigen?

Nur diesmal greifts mich mit Gewalt ... 

(Gewiss: das Spiel ist etwas alt.) 
     

Dass man nicht alle haben kann –!

Das lässt sich zeitlich auch nicht machen ...

Ich weiß,  jetzt wirst du wieder lachen!

Ich komm doch stets nach den Exzessen

zu dir und kann dich nicht vergessen.

So gib mir denn nach langem Wandern

die Summe aller jener andern.

Sei du die Welt für einen Mann ...

weil er nicht alle haben kann.  

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Kurt Tucholsky  (Urlaubsgedichte)

Auf Urlaub

 

Die Residenz!
Gut'n Tag,  du Metropole!
Da ist auch schon der Alexanderplatz...
Verstatte, dass ich mich das Schneuztuch hole,
das Herz schlägt stürmisch unterm Busenlatz.
Du gute Spree mit dem geduldigen Rücken,
der Ruderklubs und der Mamsells Entzücken -
ich seh dich still und mächtig dreckig ziehn ...
Berlin!

Die Weiche knackt.  Der Zug zischt an den Hallen
der Stadtbahn lang.  Da liegt der dicke Dom.
Die pfui! die Friedrichstraße will mir recht gefallen,
am Charitehaus grünt ein Appelboom.
Die Völker auf den Straßen sind nicht ohne:
dem Gang nach lauter Irafens und Barone.
Es riecht nach Geld.  Prozente, Mensch,  verdien!
Berlin!


Charlottenburg.  Da steht die lange Claire,
den Bastard meiner Liebe an der Hand.
Ob auch die Rationierung an uns zehre  -
der Knochenbau hält allen Feinden stand.
Das wird die rechte Wiedersehensfeier!
Ich hab  (im Rucksack)  fünfundsiebzig Eier -
Da hält der Zug!  Die Kümmernisse fliehn ...
Berlin!  Berlin!

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Kurt Tucholsky  (Militärgedichte)

Unser Militär!

 

Einstmals, als ich ein kleiner Junge
und mit dem Ranzen zur Schule ging,
schrie ich mächtig,  aus voller Lunge,

hört ich von fern das Tschingderingdsching.
Lief wohl mitten über den Damm,
stand vor dem Herrn Hauptmann stramm,
vor den Leutnants,  den schlanken und steifen ...
Und wenn dann die Trommeln und die Pfeifen
übergingen zum Preußenmarsch,
fiel ich vor Freuden fast auf den Boden -
die Augen glänzten  -  zum Himmel stieg
Militärmusik!  Militärmusik!

Die Jahre gingen.  Was damals ein Kind
bejubelt aus kindlichem Herzen,
sah nun ein Jüngling im russischen
Wind
von nahe, und unter Schmerzen.
Er sah die Roheit und sah den Betrug.
Ducken!  ducken!  noch nicht genug!
Tiefer ducken!  Tiefer bücken!
Treten und Stoßen auf krumme Rücken!
Die Leutnants fressen und saufen und huren,
wenn sie nicht grade auf Urlaub fuhren.
Die Leutnants saufen und huren und fressen
das Fleisch und das Weizenbrot wessen? wessen?
Die Leutnants fressen und huren und saufen ...
Der Mann kann sich kaum das Nötigste kaufen.
Und hungert.  Und stürmt.  Und schwitzt.  Und marschiert.
Bis er krepiert.
Und das sah einer mit brennenden Augen
und glaubte,  der Krempel könne nichts taugen.
Und glaubte,  das müsse zusammenfallen
zum Heile von Deutschland,  zum Heil von uns allen ...
Aber noch übertönte den Jammer im Krieg
Militärmusik!  Militärmusik!

Und heute?
Ach heute! Die Herren oben
tun ihren Pater Noske loben
und brauchen als Stütze für ihr Prinzip
den alten trostlosen Leutnantstyp.
Das verhaftet,  regiert und vertobackt Leute,
damals wie heute, damals wie heute -
Und fällt einer wirklich mal herein,
setzt sich ein andrer für ihn ein.
Liebknecht ist tot.  Vogel heidi.
Solchen Mörder straft Deutschland nie.
Na und  -?
Der Hass, der da unten sich sammelt,
hat euch den Weg zwar noch nicht verrammelt.
Aber das kann noch einmal kommen ...!
Nicht alle Feuer,  die tiefrot glommen
unter der Asche,  gehen aus.
Achtung! Es ist Zündstoff im Haus!
Wir wollen nicht diese Nationalisten,
diese Ordnungsbolschewisten,
all das Gesindel,  das uns geknuter,
unter dem Rosa Luxemburg verblutet.
Nennt ihr es auch Freiwilligenverbände:
es sind die alten schmutzigen Hände.
Wir kennen die Firma, wir kennen den Geist,
wir wissen, was ein Korpsbefehl heißt ...
Fort damit -!
Reißt ihre Achselstücke
in Fetzen - die Kultur kriegt keine Lücke,
wenn einmal im Lande der verschwindet,
dessen Druck kein Freier verwindet.
Es gibt zwei Deutschland - eins ist frei,
das andre knechtisch,  wer es auch sei.
Lass endlich schweigen,  o Republik,
Militärmusik! Militärmusik!

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Kurt Tucholsky  (Eifersucht Gedichte)

Versunkenes Träumen

 

Lieblich ruht der Busen,  auf dem Tisch,
jener Jungfrau,  welche rosig ist und frisch.

Ach,  er ist so kugelig und gerundet,
dass er mir schon in Gedanken mundet.

Heil und Sieg dereinst dem feinen Knaben,
dem es freisteht,  sich daran zu laben.

Jener wird erst stöhnen und sich recken; 
aber nachher bleibt er sicher stecken.

Heirat,  Kinder und ein häusliches Frangssäh  -
nichts von Liebesnacht und jenem Kanapee...

Ich hingegen sitz bei ihren Brüsten,
und  -  gedanklich  -  dient sie meinen Lüsten.

Doch dann steh ich auf und schlenkre froh mein Bein,
schiebe ab,  
bin frei -
und lasse Jungfer Jungfer sein.

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 Bewertung ****** aktualisiert 12.08.2014 >>Sende dein Gedicht ein<<

 

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