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Novalis  (Sinn des Lebens - Gedichte)

Gottlob! dass ich auf Erden bin

Gottlob! dass ich auf Erden bin
Und Leib und
Seele habe;  
Ich danke
Gott in meinem Sinn
Für diese große Gabe.  

Der Leib ist mir doch herzlich lieb
Trotz seiner Fehl und Mängel,
Ich nehme gern mit ihm vorlieb
Und neide keinen
Engel.

Ich küsse gern mein braunes Weib
Und meine lieben
Kinder,
Und das tut wahrlich doch mein Leib,
Und mir ist es gesünder,

Als wenn ich mit Philosophie
Die Seele mir verdürbe,
Denn ein klein wenig
Not macht sie,
Die liebe Weisheit,  mürbe.

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Novalis (Sinn des Lebens - Gedichte)

Allmächtiger Geist, Urquell aller Wesen...

 

Allmächtiger Geist,  Urquell aller Wesen,
Zeus,  Oramazes,  Brama,  Jehova;
Vorm ersten Äon bist du schon gewesen
Und nach dem letzten bist du auch noch da.
Du rufst aus ödem Dunkel Licht und Helle,
Aus wildem Chaos ein Elysium,  
Du winkst und sieh! ein Tempe wird zur Hölle
Und eine Sonne hüllet Nacht ringsum.

 

Aus deinem Mund fließt Leben und Gedeihen
In diesen Baum und in den Sirius
Und Nahrung streust du Myriaden Reihen
Geschöpfen aus und freudigen Genuss.
Ein Kind ruft seinen Vater an um Speise,
Ward es auch gleich schon tausend Tage satt,
Wenn ihm der Vater gleich den Trunk und Speise
Auch ungebeten stets gegeben hat.

 

Warum soll ich, ich Kind, dich Vater nimmer
Um Nahrung flehn,  die du mir so schon gabst?
Für Seel und Leib,  um hoher Wahrheit Schimmer
Mit dem du nur geweihte Männer labst?
Gib mir,  Geist,  Schöpfer,  hohe Ruh der Seelen
In Freud und Glück beim bodenlosen Schmerz
Und Weisheit immer echtes Gold zu wählen
Und Fülle der Empfindung in das Herz.

 

Gib mir der Herzensgüte,  die bei allen
Was zweien Brüder trifft,  das Herz erregt;
Sanft seiner Freude Ausbruch nachzuhallen
Und mitzuweinen,  wenn ihn Drangsal schlägt.
Die Edle stählt den Mann,  der ihre Ehre
Gemordet,  überall mit Schlangensinn;
Der sie bedrückt mit seines Hasses Schwere;
Von des Verderbens Schlund zurückzuziehn.

 

Die duldsam ihn lehrt Torheit immer
Zu tragen, die der Welt Tyrannin ist
Die ach so gerne nur bei schwachem Schimmer
Vor lautrer Weisheit Menschentand vergisst.
Die mir nicht heißt den Bruder zu verachten
Dem einen andern Glauben du verliehn, 
Den redlichen Bramin mir mehr zu achten
Gebeut, als einen finstern Augustin.

 

Gib mir, dass ich mit sanfter Lieb umfange
Hienieden jede deine Kreatur.  
Und stummer Dank Erquickter mir die Wange
Mehr kühlt als Lenzeswehen der Natur.
Zuletzt fleh ich dich noch um Trank und Speise
Für jeden Lebenstag notdürftig an; 
Und dass ich oft nach schlaff einfältger Weise
Am Busen der Natur dir danken kann.

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Novalis  (Sinn des Lebens - Gedichte)

An den Tod

 

Wie den Seraph himmlische Lust erfüllet,
Kommt der Brüder einer,  auch selger Engel,
Den des Himmels Freundschaft mit ihm verwebte
Zu dem unsterblichen Bunde,

 

Wieder von der fernesten Welten einer
Wo er Glück und Segen die Fülle ausstreut
Heitre Ruhe mit friedlicher Palme über
Tausend Geschöpfe ergossen,

 

Und nun fällt in Engels Entzücken seinem
Freunde an die himmlische Brust und dann im
Kusse,  unaussprechbare Freundschaftswonne
Einet die Seelen der Seraphs.

 

So werd ich mich freuen wenn du einst holder
Todesengel meine geengte Seele
Zu dem selgen Anschaun Jehovas durch die
Trennung vom Körper beflügelst.

 

Und sich dann die neidische Hülle abstreift
Gleich der Puppe welche den Schmetterling hält
Und zerplatzet kommet die Zeit der Reife,
Jener befreit dann entfliehet.

 

So wird sie auch fliehen die edle Seele
Aus dem Erdenstaube entlastet dort zu
Jenen höhern,  bessern Gefilden reich an
Seliger Ruhe und Freiheit.

 

Wo ein ewger Frühling die Wangen kleidet
Und ich voll unsterblicher Kraft die Schöpfung
Sehe, staune, himmlische Freundschaft mich un- 
sterblichen Geistern vereinet.

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Novalis  (Sinn des Lebens - Gedichte)

An die Muse

 

Wem du bei der Geburt gelächelt,
Und Dichtergaben zugewinkt
Der,  süße Göttin,  der erringt
Nicht Lorbeern,  wo das Schlachtfeld röchelt,
Und Blut in langen Strömen rinnt,
Der wird nicht im Triumphe ziehen
Den ihm ein schwarzer Sieg gewinnt,
Und nie von Stolz und Ehrsucht glühen
Wenn zwanzig Heere vor ihm fliehen
Dem Reiz des Siegerruhmes blind.
Auch Hofintrigen und Kabalen
Kennt seine heitre Seele nicht,
Und bleibt selbst bei Ministerwahlen
Gleichgültig,  Ehre reizt ihn nicht,
Und selbst die höchsten Ehrenstellen
Vermögen nie was über ihn.
Auch strebt er nimmer über Wellen
Zu fernen Zonen hinzuziehn,
Um mit Gefahren seines Lebens
Zu holen Purpur oder Gold
Und Perlen und was Sina zollt;
Denn Eigennutz reizt ihn vergebens.
Doch hüpft er gern auf grüner Flur
Mit jungen frohen Schäferinnen
Und stimmt um Liebe zu gewinnen
Voll süßer Einfalt und Natur
Die kleine Silbersaitenleier
Zur sanften,  holden Frühlingsfeier:
Und singt,  wie Liebe ihm es lehrt
Auf heitern,  ländlichen Gefilden
Von seinem Mädchen nur gehört
Ihr süßes Lob und kränzt die wilden
Entrollten Locken wonnevoll.
Sein ruhig Auge sanft und milde
Blickt keinen Hass und bittern Groll,
Lacht kummerlos und gleicht im Bilde
Dem Quell,  der aus dem Felsen quoll;
Nicht Stürme wüten ihm im Busen
Kein Kummer scheucht ihm sanfte Ruh
Er sieht dem Schicksalswechsel zu
Voll Gleichmut und bleibt treu den Musen.

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Novalis (Sinn des Lebens - Gedichte)

Anfang

 

Es kann kein Rausch sein – oder ich wäre nicht
Für diesen Stern geboren – nur so von ohngefähr
In dieser tollen Welt zu nah an
Seinen magnetischen Kreis gekommen.

 

Ein Rausch wär wirklich sittlicher Grazie
Vollendetes Bewusstsein? – Glauben an Menschheit wär
Nur Spielwerk einer frohen Stunde –?
Wäre dies Rausch, was ist dann das Leben?

 

Soll ich getrennt sein ewig? – ist Vorgefühl
Der künftigen Vereinigung, dessen, was
Wir hier für Unser schon erkannten,
Aber nicht ganz noch besitzen konnten –

 

Ist dies auch Rausch? so bliebe der Nüchternheit,
Der Wahrheit nur die Masse, der Ton, und das
Gefühl der Leere, des Verlustes
Und der vernichtigenden Entsagung.

 

Womit wird denn belohnt für die Anstrengung
Zu leben wider Willen, Feind von sich selbst zu sein
Und tief sich in den Staub getreten
Lächelnd zu sehn – und Bestimmung meinen.

 

Was führt den Weisen denn durch des Lebens Tal,
Als Fackel zu dem höheren Sein hinauf –
Soll er nur hier geduldig bauen,
Nieder sich legen und ewig tot sein.

 

Du bist nicht Rausch – du Stimme des Genius,
Du Anschaun dessen, was uns unsterblich macht,
Und du Bewusstsein jenes Wertes,
Der nur erst einzeln allhier erkannt wird.

 

Einst wird die Menschheit sein, was Sophie mir
Jetzt ist – vollendet – sittliche Grazie
Dann wird ihr höheres Bewusstsein
Nicht mehr verwechselt mit Dunst des Weines.

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Novalis (Sinn des Lebens - Gedichte)

Wohin ziehst du mich...

 

Wohin ziehst du mich,
Fülle meines Herzens,
Gott des Rausches,
Welche Wälder, welche Klüfte
Durchstreif ich mit fremdem Mut.
Welche Höhlen 
Hören in den Sternenkranz
Cäsars ewigen Glanz mich flechten
Und den Göttern ihn zugesellen.
Unerhörte,  gewaltige
Keinen sterblichen Lippen entfallene
Dinge will ich sagen. 
Wie die glühende Nachtwandlerin
Die bacchische Jungfrau
Am Hebrus staunt
Und im thrazischen Schnee
Und in Rhodope im Lande der Wilden
So dünkt mir seltsam und fremd
Der Flüsse Gewässer  
Der einsame Wald

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 Bewertung ****** aktualisiert 10.05.2012 >>Sende dein Gedicht ein<<

 

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