Hermann Allmers
(Waldgedichte)
Spätherbst
Der graue
Nebel tropft so
still
Herab auf Feld und Wald und Heide,
Als ob der Himmel weinen will
In übergroßem Leide.
Die
Blumen wollen nicht mehr blühn,
Die Vöglein schweigen in den Hainen,
Es starb sogar das letzte Grün,
Da mag er auch wohl weinen.

Joseph von
Eichendorff
(Abendgedichte, Nachtgedichte)
Abendlich schon rauscht der
Wald
Abendlich schon rauscht der
Wald
Aus den tiefsten Gründen,
Droben wird der Herr nun bald
An die Sternlein zünden.
Wie so stille in den Schlünden,
Abendlich nur rauscht der Wald.
Alles geht zu seiner Ruh.
Wald und Welt versausen,
Schauernd hört der Wandrer zu,
Sehnt sich recht nach Hause.
Hier in Waldes stiller Klause,
Herz, geh endlich auch zur Ruh.

Feldeinsamkeit
Ich ruhe still im hohen,
grünen Gras
und sende lange meinen Blick nach oben,
von Grillen rings umschwirrt ohn Unterlass,
von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Und schöne weiße
Wolken ziehn dahin
durchs tiefe Blau, wie schöne stille Träume; -
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ewge Räume.

Mörike, Eduard (Gedichte
über den Wald)
Septembermorgen
Im
Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Emanuel
Geibel (Waldgedichte)
Kein Hauch von Flur und Wald.
Kein Hauch von
Flur und Wald,
Vom
Fluß ein Rauschen kaum;
Mein Schritt allein erschallt
Gedämpft im weiten Raum.
Ihr Sternenzwielicht gießt
Die Lenznacht erdenwärts;
Und ihre Frische fließt
Verjüngend an mein Herz.
Die wild in mir gestrebt,
Des Tags Begier, entweicht;
In meinen Adern schwebt
Das Leben licht und leicht.
Fast ist's, als streifte kühl
Mir eine Geisterhand
Vom Haupte das Gefühl
Der Schwere, die mich band.
Und schauernd wonniglich
In dunkler Lüfte Schwall
Ergießt die Seele sich,
Und schwimmt gelöst im All.

Anna Ritter (Waldgedichte)
Ein Vöglein singt im Wald
Ein Vöglein singt im
Wald,
singt Lieb' und Leiden,
ich weine für mich hin -
Du willst ja scheiden.
Viel Rosen blühen rot -
ich pflücke keine,
brauch weder Schmuck noch Zier,
so ganz alleine.
Hab' dich so lieb gehabt
und willst doch wandern,
suchst nun dein Fröhlichkeit,
dein Glück bei Andern.

Christian Morgenstern
(Waldgedichte) (Liebesgedichte)
Hier im Wald
mit dir zu liegen
Hier im
Wald mit dir zu
liegen,
moosgebettet, windumatmet,
in das Flüstern, in das Rauschen
leise liebe Worte mischend,
öfter aber noch dem Schweigen
lange Küsse zugesellend,
unerschöpflich - unersättlich,
hingegebne, hingenommne,
ineinander aufgelöste,
zeitvergessne, weltvergessne.
Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet.

Clemens Brentano
(Waldgedichte)
O kühler Wald,
O kühler
Wald,
Wo rauschest du,
In dem mein Liebchen geht?
O Widerhall,
Wo lauschest du,
Der gern mein Lied versteht?
O Widerhall,
O sängst du ihr
Die süßen Träume vor,
Die Lieder all,
O bring sie ihr,
Die ich so früh verlor!
Im Herzen tief,
Da rauscht der Wald,
In dem mein Liebchen geht,
In Schmerzen schlief
Der Widerhall,
Die Lieder sind verweht.
Im Walde bin
Ich so allein,
O Liebchen, wandre hier,
Verschallet auch
Manch Lied so rein,
Ich singe andre dir!

Justinus
Kerner
(Wald
Gedichte)
Sehnsucht nach der Waldgegend
Wär' ich nie aus euch gegangen,
Wälder, hehr und wunderbar!
Hieltet liebend mich umfangen
Doch so lange, lange Jahr'.
Wo in euren Dämmerungen
Vogelsang und Silberquell,
Ist auch manches Lied entsprungen
Meinem Busen, frisch und hell.
Euer Wogen, euer Hallen,
Euer Säuseln nimmer müd',
Eure Melodien alle
Weckten in der Brust das Lied.
Hier in diesen weiten Triften
Ist mir alles öd' und stumm,
Und ich schau' in blauen Lüften
Mich nach Wolkenbildern um
Wenn ihr's in den Busen zwinget,
Regt sich selten nur das Lied:
Wie der Vogel halb nur singet,
Den von Baum und Blatt man schied.

Joseph von
Eichendorff (Waldgedichte)
Zwielicht
Dämmrung will die Flügel spreizen,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume —
Was will dieses Grau'n bedeuten?
Hast ein Reh du, lieb vor andern,
Lass es nicht alleine grasen,
Jäger
ziehn im Wald' und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern.
Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug' und Munde,
Sinnt er Krieg im tückischen Frieden.
Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren —
Hüte dich, bleib' wach und munter!
